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Willkommen bei den Gut Davongekommenen!

Letzte Aktualisierung : 14. Juli 2006

Selbstverteidigung ist alles, was das Leben sicherer macht. Darum haben wir dieses Forum gegründet, wo Sie Ihre Erfolgserlebnisse mit unangenehmen oder sogar gefährlichen Situationen austauschen können. Sagen Sie uns (und allen anderen), was Sie tun, um sich sicherer zu fühlen, sicherer aufzutreten, ja sicherer zu sein. Erzählen Sie uns hier, wie Sie sich gewehrt haben.

Weil wir überzeugt sind, daß die Berichte, die wir haben sammeln können, für alle Frauen nützlich sein können, haben wir einige davon in Form einer Broschüre veröffentlicht, zusammen mit praktischen Tipps unserer Selbstverteidigungstrainerinnen. Diese Broschüre ist derzeit nur auf französisch erhältlich. Sie heißt "Échappez Belle! Le guide pratique de la sécurité pour femmes" und kann hier heruntergeladen werden.

Wir glauben, daß einige gut placierte Karateschläge (oder Seito-Boei-Techniken) nicht die einzeigen oder gar besten Verteidigungsstrategien sind. Der Begriff Selbstverteidigung ist viel weiter: "wenn ich es geschafft habe, mich zu schützen, dann habe ich die richte Verteidigung gewählt!". Die kleinen Tricks, um Gewalt zu vermeiden, der gut gewauml;hlte Satz, der sitzt, Flucht, wo sie möglich ist, Hilfesuche, Solidarität... Wir wollen alle diese Schätze hier sammeln, damit jede sich davon inspirieren und ermutigen lassen kann: Frauen werden Opfer von Gewalt, aber sie sind längst nicht hilflos!

Sie brauchen nur ein e-Mail mit Ihrer Geschichte an echappees.belles[at]garance.be zu schicken. (Nebenbemerkung: aus Sicherheitsgründen nehmen wir keine Geschichten an, die als Attachments geschickt werden.) Sagen Sie uns, was Sie gemacht haben und warum Sie mit Ihrer Reaktion zufrieden sind. Wir veröffentlichen Ihre Geschichte hier, unter Ihrem Vornamen oder einem Pseudonym, wie Sie es lieber haben. Herzlichen Dank!



Für diejenigen, die sich fragen, ob die Alarmpfeife, die Garance seit 2004 verteilt, im Ernstfall nützen kann!

Zivilcourage in der U-Bahn

Sonntag Abend in der Brüsseler U-Bahn auf der Linie Herrmann-Debroux-Baudouin haben zwei junge Männer meine Mutter belästigt. Plötzlich hat einer der beiden sie geohrfeigt. Sie hatte schon seit einem Weilchen in ihrer Tasche die Hand auf ihrem Pfeifferl. Jetzt nahm sie es heraus und pfiff zweimal. Im selben Moment warfen sich vier oder fünf Männer und Frauen auf die Angreifer und verfolgten sie bis auf den Bahnsteig in der Station Beekkant. Da die U-Bahn weiterfuhr, konnte meine Mutter ihren RetterInnen nicht danken.

Diese Reaktion der Mitreisenden hat sie angenehm überrascht. Meine Mutter ist 83 Jahre alt und wird wohl noch oft die U-Bahn nehmen. Letztes Jahr war sie Opfer eines Überfalls in der U-Bahn, und ihre Handtasche wurde ihr gestohlen. Seither hat sie immer ein Pfeifferl wie die von PolizistInnen oder SchiedsrichterInnen bei sich. Ein deutlicher Pfiff ermöglicht es, zwischen einem schiefhängenden Haussegen (unangenehm, aber kann mensch sich da einmischen?) und einem Angriff zu unterscheiden.

Leserbrief, Le Soir, 18. und 19. März 2006


Dieses Abenteuer ist mir vor Jahren passiert, aber ich erinnere mich noch sehr lebendig daran: Eines Arbeitstags brauchte ich Geld und ging zum Bankomaten auf der Place du Luxembourg, am Nachmittag, um die Schlangen zu mittag zu vermeiden.

Als ich vorm Apparat stand, hörte ich Schritte hinter mir, die sich schnell näherten. Ich war plötzlich von zwei großen, massigen Männern umgeben. Der rechts von mir zog ein Messer, ich sah die Klinge aus dem Augenwinkel. Da begriff ich, daß ich in ernster Gefahr war.

Ich hatte keine Zeit nachzudenken und reagierte völlig unerwartet: ich drehte mich um und sagte: "Sie haben mich aber erschreckt!" und lief weg.

Der Überraschungseffekt gab mir ein paar Sekunden Vorsprung, und deshalb konnte ich flüchten.

Anastasia


Ich war damals ungefähr 20 Jahre alt. Um zehn Uhr abends wartete ich auf die U-Bahn in einer wenig frequentierten Station. Plötzlich näherte sich eine Gruppe von Burschen auf dem Bahnsteig. Sie umzingelten mich diskret. Als ich begriff, was sie wollten, begann ich, einen Schritt nach rechts, dann einen nach links zu machen, zwei nach rechts, zwei nach links... Allmählich verlängerte ich meine Schritte, bis ich ganz natürlich zwischen ihnen durchmarschierte. Einmal aus dem Kreis draußen ging ich schnell zum anderen Ende des Bahnsteigs, wo glücklicherweise ein Mann auf die U-Bahn wartete. Er sagte: "Bleiben sie in meiner Nähe!"

Isabelle


Eines Abends 1983 (ich war 22 Jahre alt), war ich mit dem Auto in Saint Gilles unterwegs um chinesisches Essen abzuholen, das ich bestellt hatte (keine Lust zu kochen an dem Abend...). Als ich gegen neun von meiner Besorgung zurückfuhr, sah ich nach rechts (für den Vorrang) und sah etwas weiter vorne einen Mann, der eine Frau bedrohte, sie am Arm zerrte und laut schrie.

Ich fahre schnell um den Häuserblock herum, bleibe auf Höhe der beiden stehen, die sich immer noch anschreien. Der Mann wird nun gewalttätig (er schlägt die Frau gegen die Wand). Ich öffne die BeifahrerInnentür und schreie die Frau an: "Da bist du also, ich fahre schon seit einer halben Stunde herum mit dem Essen im Auto. Steig schnell ein, sonst wird's kalt!" Der überraschte Mann läßt die Frau los, und sie begreift glücklicherweise meine Taktik und steigt ein. Ich fuhr sofort los und ließ sie etwas weiter weg aussteigen.

Sie war sehr überrascht, daß ihr jemand half, und bedankte sich tausend Mal, wollte mich auf einen Kaffee einladen. Ich wollte nicht, weil mein Essen kalt wurde! Die Frau erklärte mir, daß sie sich mit einem Freier stritt, weil sie Prostituierte war. Das hat keineswegs meine Freude, ihr geholfen zu haben, getrübt, ganz im Gegenteil.

Ich habe aus purem Reflex reagiert, ohne nachzudenken, aber diese Aggression war mir unerträglich, und ich mußte einfach etwas tun. Ich glaube, ich hätte nicht heimfahren, essen und vergessen können, was ich sah. An diesem Tag habe ich entdeckt, daß wir viele oft unerahnte Fähigkeiten in uns haben und wir Vertrauen in uns haben müssen.

Dominique


Mit einem sicheren Tritt in die Geschlechtsteile hat letzten Samstag sich eine 82-jährige ihres Angreifers entledigt, als sie an der Bushaltestelle Schuman wartete, so die Polizeizone Montgoméry. Der ungefähr 20-jährige Täter versuchte, ihr die Handtasche zu entreissen, als die forsche chzigerin den rettenden Reflex hatte. Sie bestieg anschließend ganz normal ihren Bus, während der junge Mann sich vor Schmerzen am Boden krümmte.

Le Soir vom 14. Oktober 2005, gesehen von Marie


Ich war an jenem Tag um drei Uhr mit der U-Bahn unterwegs. Ein junger Mann zündete sich eine Zigarette am Bahnsteig an, 10 Meter von mir weg. Ich sagte ihm laut, um die anderen Reisenden zu übertünen, daß es verboten sei, in der U-Bahn zu rauchen und er seine Zigarette ausmachen sollte. Er schaute mich provokant an und machte genüßlich einen tiefen Zug.

Ich wiederholte: Sie rauchen in der U-Bahn. Das stört mich. Machen Sie Ihre Zigarette aus.

Wieder und wieder. Er wünschte sich offensichtlich, daß ich leiser reden sollte. Alle Leute schauten schon. Ich wiederholte meinen Text, bis er aufhörte (ungefähr zwanzig Wiederholungen). Nach einer halben Zigarette machte er aus. Faszinierende Erfahrung. Bei der nächsten Haltestelle machte mir eine Dame ein Kompliment.

Marie Caroline


Ich bin Hauseigentümerin und vermiete den zweiten Stock an eine Freundin aus Kamerun. Sie hatte einen Handwerker bestellt, um das Kabelfernsehen zu installieren, konnte aber nicht selbst anwesend sein, sodaß ich mich um den Handwerker kümmerte.

Von seinem Eintreten an machte er abschätzige Bemerkungen über die Wohnung, "solche Leute" und ihre Lebensweise. Der Fernseher stand auf einem Tisch und war im Weg für die Installation. Er wollte ihn partout nicht wegräumen, nannte meine Freundin eine Nichtstuerin, eine Profiteurin und fragte mich, ob ich viele Probleme mit ihr hätte. Ich war zu überrascht, um auf seine ersten Bemerkungen zu reagieren, aber jetzt fragte ich ihn direkt, ob er Rassist sei, denn ich sei es nicht und wollte dergleichen Bemerkungen über meine Mieterin nicht noch einmal hören. Er stotterte noch ein paar Entschuldigungen, denn er sei nicht rassistisch, und hielt sonst den Mund.

Nathalie


Ich war bei einer Freundin, und wir redeten über eine gemeinsame Bekannte, die kürzlich vergewaltigt worden war. Während unseres Gesprächs kam ihr Mann mit einem seiner Freunde nachhause. Sie hören "Vergewaltigung" und beginnen zu lachen und blöde Witze zu reißen. Zuletzt meinen sie noch, daß es bei dieser Frau normal sei, denn schließlich sei sie alleinstehend und gehe oft allein aus ins Kino, Theater usw.

Wir waren von dieser Reaktion schockiert und sagten beide, daß Vergewaltigung für uns nichts zum Lachen sei, daß wir davor Angst hätten, weil es allen Frauen passieren kann und wir uns von ihnen mehr Verständnis erwartet hätten. Sie schämten sich und entschuldigten sich.

Mathilde


Auf dem Heimweg vom Selbstverteidigungskurs Ð Zufall? Ð laberte ein Mann mich an der Bushaltestelle an. Er wollte mich im Bus begleiten. Erst dachte ich "Uiuiui", aber ich ergriff schnell die Kontrolle in der Situation, weil ich mich stark fühlte. Die einzelnen Kursteile liefen vor meinen Augen ab. Ich bemerkte, daß ich automatisch gerader und fest auf meinen Beinen stand. Ich atmete tief ein und aus. Ich strahlte eine solche Überzeugung aus, daß der Mann sich nach zwei Versuchen verzog, ohne daß ich vehement werden mußte. Er schaute noch eine andere Frau an, die nach mir ankam, aber er traute sich nicht mehr.

Brigitte


Als ich elf war, spielte ich mit einer Gruppe Freunden auf der Straße. Drei ältere Burschen um die 16, 18 Jahre alt, die ich nicht kannte, kamen zu uns. Sie schienen von uns zu reden und etwas zu planen. Schließlich griffen sie mich am Arm und sagten, ich solle mitkommen. Ich war zuerst überrascht und verstand nichts, also ging ich mit, weil ich dachte, es sei ein Spiel. Als wir um die Ecke waren, packten sie mich fester und zogen mich irgendwohin. Einer berührte meine Brust, und plötzlich fühlte ich die Gefahr, ohne genau zu wissen, worum es ging. Mein Herz machte einen Sprung, und ich wehrte mich mit allen Kräften und schrie. Sie ließen mich los, und ich ging zu meinen Freunden zurück.

Isabelle


Ok, es ist keine großartige Geschichte, aber während ich noch auf meinen verbalen Selbstverteidigungskurs warte, verwende ich schon den folgenden Trick.

Oft werde ich verbal attackiert und bleibe dabei leider blockiert, ohne auch nur irgendwas zu antworten oder ruhig meinen Weg weiterzugehen... Ich bleibe an Ort und Stelle und gehe erst ein paar Sekunden nach der Aggression weiter Ð körperliche und emotionelle Blockade. Dann denke ich stundenlang darüber nach, und dieses Ereignis verdirbt mir den Tag, der Typ macht mich wütend und raubt mir meine Energie.

Es kommt oft vor, daß Burschen mich Nutte schimpfen und mir nachrufen wie einer Katze, wenn ich spazierengehe. Jetzt antworte ich ihnen einfach "fetter Frosch", oder, wenn ich richtig in Fahrt bin, auch "dreckige Gabel". Der Typ steht dann jedesmal völlig belämmert da. Diesmal ist es er, der blockiert ist, und sich (erst nach ein paar Sekunden) umdreht und verdattert weitergeht.

Ich glaube, daß sie bei solchen Schimpfwörtern keinen Grund haben, beleidigt zu spielen, eine symmetrische Eskalation zu beginnen und mich noch mehr zu belästigen.

Ich glaube auch, daß sie in ihrem aggressiven Schwung gebremst werden, weil ich mich auf eine andere Ebene begebe. Ok, ich behaupte nicht, daß es ein Allheilmittel ist, aber es tut mir gut, weil es den vom Angreifer verursachten Schmerz heilt. Er schaut blöd aus der Wäsche, und das ist ein toller Anblick!

Adeline


Ich kam mit meinen zwei Kindern (8 und 3 Jahre) nachhause. Als ich die Haustür öffnen und das Licht anmachen wollte, fand ich mich Auge in Auge mit einem jungen Mann, der den Eingang blockierte.

Das kam mir verdächtig vor, und ich fragte ihn in einem autoritären Tonfall, was er hier zu suchen habe. Er befahl mir zu verschwinden. "Sie verschwinden, denn ich bin hier zuhause."

Da machte er eine Bewegung, als ob er meine Handtasche packen wollte. Ich werfe mir die Handtasche auf den Rücken. Er packt mich am Hals und drückt mich gegen die Eingangstür (wir waren immer noch draussen).

In einem blöden Reflex sage ich ihm, immer noch in autoritärem Tonfall: "Doch nicht vor den Kindern!" Er läßt los, und ich, nicht faul, werfe mich auf die Klingeln und drücke alle auf einmal.

Drei Burschen liefen davon, demjenigen hinterdrein, mit dem ich mich "unterhielt". Im Stiegenhaus fand ich eine weinende junge Frau: ein Vergewaltigungsversuch, den unsere Ankunft gerade noch unterbrochen hatte.

Am nächsten Tag plapperte die Kleine von Indianern und Cowboys im Stiegenhaus, aber sonst waren keine bleibenden Traumata zu beobachten. Außer daß mein Sohn, als er erwachsen war, mir erzählte, er habe sich schuldig gefühlt, mich nicht verteidigt zu haben. Heute ist er der erste, der anderen Leuten in Schwierigkeiten zu Hilfe kommt.

Wichtiger noch als was man sagt, ist, glaube ich, daß man sich ruhig und stark zeigt, dem anderen in die Augen schaut und ruhig mit ihm spricht. Ich glaube, man muß der Gewalt die Stirn bieten und sich trauen, autoritär gegen diese Gewalt aufzutreten. Ich bin hier der Chef, du hörst jetzt auf. Aber ohne Aggression. Irgendwie muß man wissen, daß der andere aufgeben wird gegen diese "ruhige Kraft".

Ich trage dabei keinen persönlichen Verdienst davon, meine Mutter hat während des Krieges im selben Ton mit einem Deutschen in Uniform in der Straßenbahn geredet, ich weiß nicht mehr warum. Sie hat sich auf einen Gerichtsvollzieher gestürzt und ihn zu Boden geworfen, weil er sie gestoßen hat, und sie hatte bis zu ihrem 78. nie Angst, nachts allein in Paris herumzuspazieren, als sie noch tanzen ging und schwarze "Papas" für mich in den antillianischen Diskos suchte. Das macht optimistisch, oder?

Daria


Ich weiß schon, daß das hier keine Gewaltgeschichte ist, aber ich möchte sie trotzdem hier erzählen, weil ich so glücklich war, als es endlich vorbei war. Das ist auch eine Art, mich um mein Wohlergehen zu kümmern.

Der Vermieter meiner vorigen Wohnung hat mich jedes Mal mit einem Wortschwall überschwemmt, wenn es darum ging, über die Wohnung zu sprechen, sodaß ich meinen roten Faden verlor und nicht mehr wußte, was alles nicht in Ordnung war. Außerdem versprach er mir immer das Blaue vom Himmel, ohne jemals seine Versprechen zu halten. Das hat mir einige schlaflose Nächte bereitet.

Als ich auszog, vergaß ich, meinen Dauerauftrag zu kündigen, sodaß der Vermieter drei Monatsmieten zu viel bekam. Ich bat erst meine Bank, ihm zu schreiben, denn ich hatte keine Lust, mit ihm noch länger Kontakt zu haben. Das hat nicht funktioniert, also habe ich ihn selber angerufen. Wie erwartet machte er Geschichten, sagte, er hätte gerade nicht genug Geld, um mir alles auf einmal zurückzuzahlen (wohl um den Kontakt noch länger aufrechtzuerhalten). Nach 40 Minuten Diskussion konnte ich ihn endlich überzeugen, mir mein Geld in drei Monatsraten zurückzuzahlen.

Natürlich blieben die zweite und dritte Rate aus, als wollte er, daß ich ihn für jede Rate anrufe. Ich hatte so die Nase voll, daß ich ihm einen Brief schrieb: er halte unsere Vereinbarung nicht, ich fühlte mich von ihm überhaupt nicht respektiert, das mache mich sehr wütend und ich wolle mein Geld in 10 Tagen, ohne daß er mich noch kontaktiere, denn alles sei gesagt. Sonst wolle ich rechtliche Schritte ergreifen.

Ihr könnt euch meine Erleichterung nicht vorstellen, als ich genau am letzten Tag der Frist den Rest meines Geldes bekam!

Stéphanie, 28 Jahre


Ich ging einen Gang in der Pariser U-Bahn entlang, was für mich eine Gewohnheit war. Es war niemand da, nur Schritte hinter mir.

Die Schritte kamen näher, ich paßte auf. Ein Mann packte mich und drückte mich gegen eine Mauer, er roch nach Alkohol. Ruhig legte ich ihm eine Hand auf die Brust, schaute ihm in die Augen und sagte "Jetzt läßt du mich los".

Er ließ mich los.

Erst als ich aus der U-Bahn rauskam, begann ich am ganzen Körper zu zittern. Aber es ging gut aus.

Sarah


Ich hatte gerade einen Kurs in verbaler Verteidigung absolviert und wartete ungeduldig auf eine Gelegenheit, diese umwälzende Theorie in die Praxis umzusetzen. Einige Tage später bekam ich sie...

Ein Anruf von meinem Ex, den ich daran erinnerte, daß er mir Geld schuldete. Beleidigungen seinerseits, er hängt auf. Für ihn war das normal. Wenig später ruft er seine Tochter an. Der Lautsprecher des Telefons ist an, schlecht für ihn, gut für mich. Er redet von mir in einer sehr beleidigenden Art und Weise.

Ich schnappe mir den Hörer und, hopp, wende eine der gelernten Techniken an: "Du beleidigst mich. Ich schätze das wirklich nicht. Ich will, daß du höflich mit mir redest." Er versucht vergeblich, mir Schuldgefühle zu machen. Ich wiederhole mein "du beleidigst mich etc.". Ich rechtfertige mich nicht. Ich spiele nicht mit bei seinem Machtspielchen mit und, wow, nur zwei Mal und es funktioniert. Danke Garance (und Irene)!

Marie-France, 46 Jahre


Ich war 18, 20 Jahre alt und ging zu einem viel besuchten StudentInnenfest. Um Mitternacht wollte ich draußen etwas frische Luft schnappen. Beim Rausgehen mußte ich bei der Eingangskontrolle vorbei, wo eine Gruppe Burschen auf diesen Moment wartete, weil der Eintritt von Mitternacht an gratis war. Ich drehe ihnen den Rücken zu, um mich vorbeizuschlängeln und fühle eine Hand, die mir in aller Ruhe den Hintern streichelt. Ich war sofort wütend, und selbst ohne mir die Zeit zu nehmen, den Frechdachs anzusehen, haue ich ihm eine Ohrfeige runter, daß ihm der Kopf fast abfällt, und gehe kommentarlos weg. Ich glaube, er versuchte noch, mich festzuhalten, aber der Zustrom der Menschen drückte ihn nach innen. Heute noch, 20 Jahre später!, genieße ich die Erinnerung an das spöttische Lachen seiner Freunde.

Marie


Eines Abends steige ich in die Tram, wo mehrere Sitzplätze frei sind. Ich setze mich neben einen 30-, 40-jährigen Mann, der sehr breitbeinig dasitzt und auf meinen Sitz hinüberquillt. Ich überlege wie ich ihm sagen kann, daß er sich so hinsetzen soll, daß er meinen Sitz freiläßt und mein Bein dabei nicht berührt.

Ich schiebe sein Bein leicht mit meinem weg und starre dabei auf sein Bein, dann schaue ich ihn vorwurfsvoll an.

Er zog sein Bein zurück, und ich fuhr ruhig weiter, auf einem ganzen Sitzplatz!

Peggy, 25 Jahre


Ich war mit einer Freundin in der U-Bahn. Eine Frau begann, einen Mann anzuschreien. Sie schien wirklich wütend, aber da sie in einer anderen Sprache redete, verstanden wir nicht, was los war. Die Frau und der Mann schienen sich zu kennen. Der Mann sagte nichts und schaute weg, während die frau mit ihm redete, aber man sah, daß er sich aufregte. Sie stiegen bei der selben Station aus wie wir, die Frau redete immer noch wütend auf ihn ein. Plötzlich gab ihr der Mann einen Faustschlag auf die Nase, und sie begann zu bluten. Als ich das sah, rannte ich zu ihnen hin und rief: "He, Sie da, hören Sie sofort auf, diese Frau zu schlagen." Er hörte auf. Ich blickte ihn böse an, bis er schliesslich wegging. Wir boten der Frau unsere Hilfe an, aber sie wollte nicht und folgte dem Mann. Wir gingen sofort zur Polizei und berichteten, was geschehen war, und sie schickten einen Polizist in die Richtung, in die die beiden verschwunden waren.

Irène, 31 Jahre


Mein Ex, den ich immer noch sehr mag und dem ich daher nichts abschlagen kann, verhält sich mir gegenüber auf eine Weise, die mich oft in Rage versetzt. Aber es ist mir noch nie gelungen, es ihm zu sagen, bis vor wenigen Tagen. Er führt sich auf wie auf "erobertem Territorium" und zeigt mir keinerlei Respekt. Was er zum Beispiel tut, ist, mich dauernd anzurufen und, sobald ich abhebe, direkt zu sagen, was er mir zu sagen hat, ohne Gruß, ohne sich in irgend einer Weise um mich zu kümmern. Ich gehe aus solchen Anrufen jedes Mal genervt hervor, ich fühle mich negiert und verachtet, aber ich schaffe es nicht, das zu beenden oder mir Respekt zu verschaffen.

Also vor ein paar Tagen ruft er mich an, genau wie immer, er hat nicht einmal Hallo gesagt und ist sofort mit der Tür ins Haus gefallen. Ich habe ihn ein erstes Mal unterbrochen: "Patrick, ich mag es nicht, wenn du dir nicht einmal die Mühe machst, mich zu grüßen, wenn du mich anrufst." Er hat so getan, als ob er nichts gehört hätte und hat ohne zu antworten seinen Monolog fortgesetzt. Ich habe meinen Satz wiederholt, immer noch ohne jegliche Reaktion seinerseits oder das geringste Zeichen, daß er mich gehört hätte. Und ein drittes Mal. Weil er sich immer noch nicht um mich und meine Bemerkung gekümmert hat, habe ich einfach aufgehängt!

Und das hat mir sehr gut getan, einige Tage lang war ich echt stolz. Natürlich ist das nur ein erster Schritt, aber jetzt bin ich fest entschlossen, mir nichts mehr gefallen zu lassen.

Brigitte


Hier ist eine Geschichte, die mir vor einigen Monaten in Brüssel passiert ist und die mich ein paar Tage lang mit Wohligkeit erfüllt hat: Eines Nachmittags will ich den Bus nachhause nehmen. Als ich mich der Haltestelle nähere, sehe ich eine Dame reiferen Alters, die zögernd und sichtlich genervt weggeht. Auf der Bank im Wartehäuschen sitzen zwei junge Burschen (zwischen zwölf und fünfzehn), die mit einander reden, aber ich bin zu weit weg, um zu hören, worum es geht.

Ich setzte mich, um auf den Bus zu warten, und die Burschen redeten mich an, stellten mir Fragen, die ich deplaziert fand und keine Lust, darauf zu antworten (wo ich hinginge, warum ich hier sei, wie ich hieße...). Es waren deutliche Einschüchterungsversuche, ein Besetzen des Raumes und nicht etwa Kommunikationsversuche. Ich wußte nicht recht, was ich tun sollte, ich war genervt und wartete zuerst einfach, daß meine Stummheit sie abbröckeln ließe. Aber da ich nicht antwortete, wurden sie lauter und ziemlich beleidigend. Also drehte ich mich zu ihnen, schaute sie an und sagte mit fester Stimme, daß ich nicht mit ihnen reden wollte und sie mich in Ruhe lassen sollten. Sie sagten noch zwei, drei Sätze, die mich hätten beleidigen sollen, aber ich war zu froh, daß ich mich etwas sagen traute, als daß ihre Beleidigungen mich hätten erreichen können. Es war mir jetzt völlig egal, denn ich hatte meine Meinung und meinen Wunssch gesagt, daŽszlig; sie ihr Benehmen ändern sollten, und für mich war das schon ein großer Sieg. Nach einer Weile haben sie aufgehört, mir noch ein oder zwei Schimpfwörter zugerufen und sind schließliche weggegangen.

Anne, 37 Jahre


Als ich 18 war, hatte ich einen ziemlich besitzergreifenden Freund. Nach zwei Jahren habe ich Schluß gemacht, und er hat es schlecht verdaut. Zuerst hat er mich x-mal am Tag angerufen, um mich zu belästigen. Als ich nicht mehr abgehoben habe, ist er in den Hof des Wohnblocks gekommen, wo ich mit meinen Eltern wohnte, und hat eine Viertelstunde lang meinen Namen gerufen. Weil ich mich schämte, was die NachbarInnen denken würden, habe ich ihn reingelassen. Meine Eltern waren nicht zuhause. Wir haben uns arg gestritten, und er hat mich geohrfeigt. Plötzlich habe ich eine kalte Wut in mir aufsteigen gefühlt, die alle meine Ängste und Selbstvorwürfe weggefegt hat. Ich habe ihn böse angesehen und gesagt: "das reicht jetzt, du verschwindest von hier, und das sofort!" Anscheinend habe ich ihm Angst gemacht, denn er ist sofort und wortlos gegangen. Ich habe ihn nie wieder gesehen.

Aude, 27 Jahre


Eine meiner Freundinnen blieb eines abends um 21 Uhr an einer roten Ampel mit dem Auto stehen. Da hörte sie eine Art Explosion: ein Mann hatte mit einem Baseballschläger ihre BeifahrerInnenscheibe eingeschlagen. Sie sah nur einen Arm, der den Vordersitz abtastete auf der Suche nach einer Handtasche, die sie dort vielleicht abgestellt hatte.

Sie hat sich nicht bewegt, völlig erstarrt und verängstigt; weil sie die Handtasche zu ihren Füssen abgestellt hatte, konnte der Täter nichts finden. Als es grün wurde, fuhr sie heim und war noch mehrere Tage lang tief geschockt.

Nach meinem Selbstverteidigungskurs habe ich mich, anstatt Angst zu haben, wenn ich allein im Auto unterwegs bin, gefragt, was ich tun könnte, wenn mir so etwas passiert. Seither lasse ich meine Handtasche nie auf dem BeifahrerInnensitz, ich sperre die Autotüren von innen ab, und ich habe eine Gabel in Reichweite in meinem Auto.

Nicole


Die Tochter einer meiner Freundinnen hatte das folgende Erlebnis: Sie war am späten Nachmittag auf dem Sablon in Brüssel unterwegs, zu Fuß.

Zwei Männer sind aus einem Auto gestiegen und haben ihr ein Tuch, das mit einer Flüssigkeit getränkt war, vors Gesicht gehalten. Sie hat sich mit allen Kräften gewehrt, und es ist ihr gelungen, sich loszureissen. Sie ist nachhause gelaufen, hat sich eingesperrt und hat ungefähr vier Stunden lang geschlafen.

Trotz des Überraschungsangriffs der Männer, durch ihre Energie und Entschlossenheit, hat sie ihnen entkommen können.

Anne, 35 Jahre


© Garance ASBL, Juli 2006